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Ciancanelli: "Ein Titel wäre genial" - 25.09.2015

Olivier Ciancanelli will bei Meister Fola punkten. Foto: Ben Majerus



VON ANDREA WIMMER



Progrès Niederkorn gehört wieder zum Favoritenkreis im Luxemburger Spitzenfußball. Nach einigen schweren Jahren hat sich der Traditionsclub in der BGL Ligue in der Reihe der Topteams etabliert. Im vergangenen Juli kehrte Niederkorn mit Trainer Olivier Ciancanelli nach 33 Jahren sogar wieder auf die europäische Bühne zurück.



Vor der aktuellen Saison gab es aber auch einige nicht-sportliche Schlagzeilen um die Veränderungen in der Vereinsführung sowie um Ciancanelli selbst. Im LW-Interview spricht der 52-jährige Trainer über vermeintliche Turbulenzen, über große Ambitionen und über die bevorstehende schwere Aufgabe gegen Fola Esch. 



Am Samstagabend tritt Ihre Mannschaft auswärts gegen den Titelverteidiger an. Was ist dort möglich für Niederkorn? 



Fola ist Meister und hat zuletzt bei RM Hamm Benfica gewonnen. Wir wissen, dass es keine einfache Geschichte wird. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir auch beim Spitzenreiter etwas erreichen können, und werden uns nicht verstecken. Wir werden versuchen, die drei Punkte zu holen. 



Wie zufrieden sind Sie bisher mit den Ergebnissen in dieser Saison? 



Wir haben zwei wichtige Punkte in Grevenmacher verloren. Die fehlen uns auch in der Tabelle. Natürlich kann man nicht alle Spiele gewinnen. Aber wir sind der FC Progrès und haben Ambitionen. Dann müssen unsere Spieler auch wissen, dass man solche Spiele gewinnen muss. Das soll Grevenmacher gegenüber nicht respektlos klingen, aber wir haben dort nicht gut gespielt. Und diese fehlenden zwei Punkte werden uns am Saisonende wahrscheinlich noch wehtun. 



Niederkorn hat bis dato die beste Abwehr der Liga. Es gab bislang nur drei Gegentore. 



Wir haben uns in der Vorsaison defensiv verstärkt und für diese Spielzeit auch noch einen Torhüter verpflichtet. Die Hintermannschaft steht sehr gut. Leider wird uns gegen Fola unser Kapitän Ismaël Bouzid gesperrt fehlen. So müssen wir die Hintermannschaft etwas verändern. Aber dafür haben wir einen guten Kader. Nun müssen die anderen einspringen und alles dafür geben, dass sich Bouzids Ausfall nicht negativ bemerkbar macht. 



Auf heimischem Terrain hat Ihre Mannschaft immer gewonnen, Auswärtssieg gab es jedoch noch keinen. Wie kommt's? 



Dann würde es ja gegen Fola endlich Zeit? (lacht) Es war auch in der Vorsaison schon unser Schwachpunkt, dass wir auswärts nicht so stark aufspielen wie zu Hause. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssten auswärts mit etwas breiterer Brust antreten und auch nach außen signalisieren, dass wir gekommen sind, um drei Punkte zu holen. Auch auswärts dürfen wir uns nicht verstecken oder mit etwas angezogener Handbremse spielen. Nein, wir müssen genauso frei aufspielen wie zu Hause. Jeder spielt lieber auf heimischem Platz. Da geht es anderen Mannschaften nicht anders. Aber es ist eine Einstellungssache. Es hängt auch davon ab, wie man sich selber motiviert. Da sind die Spieler gefordert. Sie sollen Gas geben, frech spielen und nicht schauen, wer der Gegner ist. Wir müssen unser Spiel spielen und so die Punkte holen. 



Was fehlt Ihrer Mannschaft noch zum Spitzenteam?



Die zwei verlorenen Punkte gegen Grevenmacher beweisen, dass wir noch nicht ganz so weit sind. Man kann nicht alle Fortschritte an einem Tag machen. Deshalb arbeiten wir jeden Tag hart daran. Die Ambitionen sind da. Der eine oder andere wird auch ungeduldig. Aber manches ist auch von der Tagesform abhängig. Gegen Düdelingen zum Beispiel haben wir ein gutes Spiel gemacht. Nach unserem Führungstreffer wurden wir noch mitten in der Euphorie wieder bestraft und F91 gewann am Ende. Da sind wir noch nicht reif genug. Wir müssen auch gegen so genannte „Große“ kaltblütig sein und wenn wir in Führung sind, auch kaltblütig bleiben. Aber mit zunehmender Erfahrung wird das besser werden. Der „neue FC Progrès“ ist noch relativ jung und muss noch reifer werden. Aber wir sind auf einem guten Weg. 



Es gab zuletzt einige Erfolge, eine neue Führungsmannschaft und ein größeres Budget als früher. Inwiefern sind damit die Ansprüche und der damit verbundene Druck gestiegen? 



Den Druck machen wir uns auch selbst. Es sind viele neue Partner hinzugekommen, die schönen Fußball und eine siegreiche Mannschaft sehen wollen. Diesen Druck haben wir im Moment. In der Vorsaison waren wir Vierter und haben europäisch gespielt. In dieser Spielzeit wollen wir Ähnliches erreichen, vielleicht am Ende noch einen Platz besser dastehen und im Pokal weiterkommen. Ein Titel wäre genial für Niederkorn und wir haben eine Mannschaft, die das schaffen kann. Die Spieler müssen daran glauben, jedes Wochenende Leistung bringen und zusammenhalten. Dass es nicht einfach wird, wissen wir. Wir haben uns verstärkt, die Konkurrenten auch. Das Niveau der Liga ist höher geworden, auch durch die starken Aufsteiger. 



Im Juli spielte Niederkorn seit über 30 Jahren wieder europäisch. Gegen den irischen Vertreter Shamrock Rovers gab es ein 0:0 und ein 0:3. Wie haben Sie diese Erfahrung erlebt? 



Persönlich war es ein grandioses Erlebnis. Als ich vor Jahrzehnten mit Fußball anfing, hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich mal im Europacup auf dem Platz stehen würde. Dass sich der Traum als Trainer erfüllen würde, war schon toll. Wir haben im Hinspiel in Oberkorn ein ganz großes Spiel gezeigt, nur das Tor hat gefehlt. Mit einem Sieg im Rücken wären wir auch anschließend in Irland anders angetreten. Alle Umstände sprachen dann für den Gegner. Wir fanden nicht zu unserem Spiel. Aber es war eine großartige Erfahrung, aus der wir gelernt haben. Ich bin überzeugt, dass wir bei einem nächsten Europacup-Abenteuer schon auf dieser Erfahrung aufbauen können. 



Zum hundertsten Vereinsjubiläum 2019 möchte man zu den Top Drei der Liga gehören. Spielt das für Sie eine Rolle oder ist es noch zu weit weg? 



Für uns ist das gar nicht weit weg. Unser Team mit dem neuen Präsidenten an der Spitze hat sich vorgenommen, bis dahin einen Titel zu holen, in der Meisterschaft oder im Pokal. Die Ambitionen sind da, der Druck natürlich auch. Bis 2019 möchte der Club das eine oder andere vorweisen können. Darauf arbeiten wir hin. Ob es uns dann auch gelingt, steht natürlich in den Sternen. Wichtig wären die Erfolge auch für unsere neu strukturierte Jugendarbeit. 



Es gab gegen Ende der Vorsaison sowie im Frühsommer nicht nur sportliche Schlagzeilen. Sie wollten nicht mehr als Trainer weitermachen, hieß es, und sind es nun doch weiterhin. Könnten Sie die Angelegenheit bitte aus Ihrer Sicht schildern?



Ich arbeite immer mit Einjahresverträgen. Ich hatte der Clubführung im Februar ganz klar gesagt, dass ich in der nächsten Saison nicht mehr so trainieren wolle wie es damals der Fall war. So wollte ich nicht weitermachen. Ich wollte mit einem veränderten Trainerteam arbeiten. Die Clubführung sollte dann abwägen, was die beste Lösung wäre. Der Club wollte mich halten, ob auf der Trainerposition oder auf einer anderen. Schließlich entschied die Vereinsführung, mir die gewünschten Mitarbeiter zu genehmigen. So habe ich im Mai zugesagt, auch in der nächsten Saison als Trainer weiterzumachen. Zuvor waren in der Presse alle möglichen Namen gehandelt worden, wer mein Nachfolger werden könnte. Ich fand das eigentlich nicht wichtig. Ich habe weitergearbeitet und die Mannschaft bis in den Europapokal gebracht. Das war mein Ziel.


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