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Frech und voller Energie - 30.06.2015

Tageblatt Dienstag, 30. Juni 2015, Dan Elvinger

PROGRÈS - SHAMROCK ROVERS 1. Runde der Europa League (heute 19.00 in Oberkorn)



Nach 33 Jahren Abstinenz feiert der Progrès Niederkorn heute Abend ab 19.00 Uhr in Oberkorn gegen die Shamrock Rovers ein Comeback auf europäischer Ebene. Die Qualifikation für die zweite Europa-LeagueRunde steht dabei durchaus auf der Rechnung der Gelb-Schwarzen.



 





1982, als die Mannschaft u.a. aus den Bossi-Brüdern (Jean-Paul, Henri und Marcel) und Camille Neumann bestand, hieß der Gegner Servette Genf und war eine Nummer zu groß für die Niederkorner (0:3- und 0:1-Niederlagen).



Heute trifft der letztjährige Tabellenvierte der BGL Ligue auf einen irischen Traditionsklub, der sich zumindest fast auf Augenhöhe befindet. Die Shamrock Rovers sind zwar sowohl Rekordmeister als auch Pokalsieger der Republik Irland, haben ihre besten Zeiten aber hinter sich. In den letzten Jahren mussten sich die Rovers aus der Hauptstadt Dublin meist mit den Ehrenplätzen in der Premier Division begnügen. Ein Ausrufezeichen setzten die Grün-Weißen in der Saison 2010/11, als sie als erste irische Mannschaft die Gruppenphase der Europa League erreichten. Zurzeit belegen die Shamrock Rovers den drittenPlatz in der Liga, die mit dem Kalenderjahr ausgetragen wird. In den letzten fünf Spielen gab es drei Siege, eine Niederlage und ein Unentschieden.



Die Mannschaft besteht aus Halbprofis und einigen Vollprofis. Besonders gefährlich ist Stürmer Michael Drennan, der in 18 Ligaspielen zehnmal traf. Der 21-Jährige hatte sich zuletzt beim englischen Drittligisten Portsmouthversucht, doch nach zwei Jahren und wenig Einsatzzeit den Weg zurück in die Heimat gefunden.



Progrès-Trainer Olivier Ciancanelli hatte die Möglichkeit, Hö- hepunkte der letzten drei RoversSpiele auf Video zu analysieren. „Sie spielen keinen Kick & Rush, so viel steht schon mal fest. Der Gegner ist sehr gefährlich bei Standardsituationen und beginnt meist mit einem sehr hohen Pressing. Teilweise bis zu sieben Spieler versuchen, die gegnerische Verteidigung unter Druck zu setzen“, so Ciancanelli, der jedoch ein Gegenmittel parat hat: „Wenn wir es schaffen, die ersten 20 Minuten schadlos zu überstehen und unser schnelles Umschaltspielin die Tat umzusetzen, werden wir ihnen massive Probleme bereiten. Wir müssen frech und voller Energie auftreten. Unser Ziel ist es einen ganzen Verein durch unsere Leistung mit Stolz zu erfüllen.“



In den zwei Vorbereitungsspielen gegen Déifferdeng 03 (3:0- Sieg) und gegen den F91 Düdelingen (3:1) lief es bereits nach Maß. Neuzugang Pino Rossini traf bereits zweimal und bereitete genauso viele Treffer vor. Ciancanelli tritt jedoch auf die Euphoriebremse: „Ehrlich gesagt kann man auf diese Ergebnisse nicht viel geben. Die Neuzugänge sollte man auch nicht in den Himmel loben, aber sie wurden natürlich geholt, um uns zu verstärken.“ Neben Rossini wird auch der französische Torwart Sébastien Flauss heute zu seinem ersten Einsatz für Niederkorn kommen. „An der Startformation wird sich im Vergleich zum Vorjahr nicht viel ändern. Wir bauen auf Konstanz und Harmonie“, so die Philosophie des Progrès-Trainers. Paul Bossi, Dino Ramdedovic und Fabiano Castellani stehen aus unterschiedlichen Gründen heute nicht zur Verfügung. „



Eng op de Bak“ Eine nicht unerhebliche Rolle wird die Hitze spielen. Zum Zeitpunkt des Anpfiffs werden in Oberkorn rund 30 Grad Celsius herrschen. „Damit werden die Iren wohl mehr Schwierigkeiten als wir haben, aber auch für uns wird es schwer werden, den Rhythmus über 90 Minuten beizubehalten“, erklärte Ciancanelli und gab gleichzeitig die Marschroute vor: „Es wird ein sehr intensives Spiel, aber wir müssen schlagfertig sein. 'Wann se eis eng op de Bak ginn, da musse mär hinnen der zwou zeréckginn.'“ Klarer geht es nicht.



Irre cool



Vier Kleine unter sich Vereine aus Irland spielen in Europa keine Rolle. So gesehen begegnen die Luxemburger Klubs ihnen in der Europa League auf Augenhöhe. Bei der Nationalauswahl Irlands sieht das schon anders aus. Dort kommen Profis aus den englischen Ligen zum Einsatz, die vor nichts Angst haben außer der Sperrstunde in den Dubliner Pubs. In Irland gibt es nur mittelmä-ßig bis schlechte Spieler. Wären sie gut, würden sie in England ihr Geld verdienen. In Irland gibt es nur gute Fans. Wären sie schlecht, würden sie England bei dessen vergeblichen Anläufen auf einer WM oder EM begleiten. Zäh und ungemütlich sind die Iren nur auf dem Fußballplatz. Auf den Rängen sind sie cool, freundlich und sehr trinkfreudig, was ihrer guten Laune in der Regel keinen Abbruch tut. Niederlagen sind sie gewohnt, nach Jahrhunderten englischer Unterdrückung muss schon viel passieren, um ihnen im Fußball die Laune zu verderben.



Wie bei Niederlagen gegen England oder bei unfairen Handgriffen eines Thierry Henry vor Jahren. Dennoch, 1988 besiegten sie England bei der EM, 1994 schlugen sie Italien bei der WM, 2002 scheiterten sie im Achtelfinale im Elfmeterschießen, das haben sie sich vom Erzfeind England abgeguckt. Iren feuern ihr Team an und singen bei Gegentoren umso lauter. Wie bei der EM 2012 beim 0:4 gegen Spanien. Da sangen die irischen Fans das Lied „Fields of Athenry“, ein Lied über die irische Hungersnot im 19. Jahrhundert, und taten dies so ergreifend und begeistert, dass die spanischen Fans ehrfürchtig zuhörten und die TV-Kommentatoren das taten, was sie öfter tun sollten, nämlich sie verharrten minutenlang still und schweigend. Gegen Niederkorn und Dü- delingen werden die Fans der Rovers und des Dubliner UniVereins nicht von Hunger, aber von Sehnsucht und Armut singen. Über Sehnsucht nach gutem Fußball und über arme Fußballer, die in beiden Ländern am Existenzminimum leben und nur in Discount-Läden einkaufen, weil die Raten auf den Geländewagen zu hoch sind. Am Ende werden zwei Teams gut genug sein, um sich gegen zwei weniger gute durchzusetzen. So oder so, die Dubliner Pubs kommen auf ihre Kosten.



Dan Elvinger Tageblatt


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